Geschichte Dialog


Der Dialogbegriff hat viele ideengeschichtliche Wurzeln und Bezüge, die
von den Ureinwohnern in Südafrika, den Indianern in Amerika bis hin zur
Philosophie, Psychologie und der  Quantenphysik reichen. Die moderne 
Dialogtheorie wird „im Wesentlichen“ vom Quantenphysiker David Bohm
(1917-1992) und dem Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965)
beeinflusst.

David Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn:
„Dialog“ bedeutet demnach das „Fließen von Sinn“, das Suchen und
Entwickeln neuer, zuvor nicht bekannter Bedeutung in einer Gruppe um
und durch die Menschen. Der Dialog soll ermöglichen, den Annahmen,
Voraussetzungen, Ideen, Überzeugungen und Gefühlen von Menschen
auf den Grund zu gehen, die unterschwellig die Interaktion in der Gruppe
beherrschen.

Martin Buber beschreibt den Dialog als Zwiegespräch, als echtes
Zusammentreffen von Menschen, „die sich einander in Wahrheit
zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinwollen frei
sind.“ Im echten Gespräch darf der Sprechende sein Gegenüber nicht
bloß wahrnehmen, sondern muss ihn zu seinem Partner annehmen,
also: Das andere Sein bestätigen, ohne es billigen zu müssen.
Das bedeutet, zu ihm als Person „Ja“ zu sagen.

Während Bohms Perspektive eher darin liegt, in einer Gruppe neuen
Sinn miteinander zu schaffen, Sicherheiten zu hinterfragen und Muster
der Interpretation zu überprüfen, liegt Bubers Augenmerk auf der
zwischen-menschlichen Begegnung, dem Ich-Du im Dialog.
Wenn diese beiden Perspektiven sich treffen – menschliche Begegnung
und Infragestellen des Bekannten-, können sich sowohl dem Individuum
als auch der Gruppe ganz neue Erfahrungs- und Gedankenwelten eröffnen.

Die Qualität eines jeden Gesprächs wird weitgehend bestimmt von der
Haltung der Menschen, die es führen, von deren Annahmen, Bewertungen,
Schlüssen und Urteilen. Wie sortiere ich, beurteile oder verurteile ich,
was mir begegnet? Eine dialogische Sicht der Welt basiert darauf,
unterschiedliche individuelle Ansichten zunächst nicht abzuwehren oder
zu verurteilen, sondern als Ergänzung und Bereicherung der eigenen
Sichtweise zu sehen. Im Gespräch das eigene Verständnis durch das
Verstehen des anderen zu vertiefen, ohne eigene Wahrheiten verteidigen
zu müssen – ohne der Verführung nachzugeben, durch den Kampf
gegen das Andere, Fremde oder Ungewohnte eigene Unsicherheiten zu
vermeiden. Eigene Annahmen und fremde Sichtweisen dürfen sich
begegnen, um gemeinsam erforscht zu werden. Ohne Anspruch, sich
ändern zu müssen – mit dem Wunsch, die Beweggründe, Bedürfnisse,
mentalen Muster besser zu verstehen, die verschiedene Weltbilder prägen.

Die Kunst des Dialogs verhilft dazu, einen anderen, neuen Blick zu wagen.
Gerade an sensiblen Nahtstellen in organisatorischen, interkulturellen,
religiösen und politischen Konfliktzonen ermöglichen dialogische Prozesse
kreative Konfliktlösungen.